Eigenhändiger Brief mit Unterschrift, 2 Seiten auf Doppelblatt, kl-8, Wien, 10. 12. 1903. - "Lieber Freund! Anno 1891 wurden Brahms und ich gleichzeitig von der in Berlin frisch gegründeten 'Freien Bühne' um Beiträge zu einer Verlosung von Autographen angegangen. Als hätten wir uns mit einander verabredet, erfüllten wir den Wunsch mit polemischen Hieben. Ich zeigte Brahms das gegen die naturalistischen Stürmer gerichtete Epigramm: 'Im Mondschein glänzt ein Haufen Mist, als ob er eitel Gold und Silber wäre; Gemeines adelt nur der Humorist, erblickt er es aus seiner höhern Sphäre'. Er sagte lachend 'Bravo' und fügte hinzu: 'Ich habe ihnen auch eins drauf gegeben!' Dann holte er das von Dir copirte Albumblatt und meinte: 'Das ist hoffentlich deutlich genug.' Otto Brahm wird die Stelle aus Goethes 'Deutschem Parnaß' gleich gekannt und ihre Beziehung verstanden haben. Der glückliche Gewinner des Blattes und andere kaum. Dir aber danke ich für die Mitteilung der Reliquie und muß es Dir vorläufig überlassen, den Canon herauszufinden, der wohl dahinter steckt. Mir fehlt jetzt die Zeit zu solchen Experimenten. Herzlich grüßend Dein Max Kalbeck." - Beiliegend ein kleines aufgezogenes Zeitungsporträt.
In Breslau aufgewachsen, kam Kalbeck 1880 nach Wien und wurde hier zu einem einflussreichen Kritiker. Er war Parteigänger und enger Freund von Johannes Brahms und verfasste eine umfangreiche Biographie des Komponisten. Der deutsche Kritiker, Theaterleiter und Regisseur Otto Brahm (1856-1912) wurde 1889 Präsident des Berliner Theatervereins "Freie Bühne", der sich der Aufführung sozialkritischer Dramen der Naturalisten widmete.
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