Franz Joseph, Kaiser von Österreich (1830-1916)


Eigenhändiger Brief mit Unterschrift, 5 1/2 Seiten auf zwei Doppelblättern, in-8, Ofen, 7. 6. 1896. - An Katharina von Schratt. "Meine liebe gute Freundin, Erschrecken Sie nicht, wenn Sie schon so bald einen Brief von mir erhalten, der Sie aber nicht zu einer Antwort zwingen soll. Da mein erster Kurier noch nicht eingetroffen ist und und ich daher Heute Früh besonders viele Zeit habe, so konnte ich dem Wunsche nicht widerstehen einige Zeilen an Sie zu richten und Ihnen zu sagen, was Sie ohnehin wissen, daß ich sehr viel mit Sehnsucht und Trauer an Sie denke. Wie unendlich lange werde ich Sie nicht sehen! Es ist eigentlich noch ein Glück, daß die Hetze des hiesigen Aufenthaltes mir nicht viel Zeit zum Nachdenken laßt. Auch innigst danken möchte ich Ihnen, was ich leider bei unserem vorgestrigen Abschiede vergessen habe, für Ihre viele Güte für mich während dieser letzten Zeit, so wie für die neue Lufterzeugungs Maschine, welche, wie ich erst im Waggon von meinem Kammerdiener Ketterle erfuhr, vorgestern in meine Wohung in der Burg kam und bereits bei einem angestellten Versuche eine enorme, abkühlende Wirkung hatte. Wie viele Wohltaten verdanke ich Ihnen! Sie sind ein Oberengel! Die frühere Maschine kommt nach Ischl, wo sie bei der dortigen elektrischen Einrichtung verwendbar sein und gute Dienste leisten wird. General Direktor Palmer war selbst in der Burg, um die Installation zu überwachen. Vielleicht haben Sie die Güte, ihm für diese Zuvorkommenheit meinen besten Dank auszurichten. Noch eine schöne Bitte hätte ich, nemlich, daß Sie mir Ihre Ankunft in Carlsbad telegraphisch anzeigen möchten. Es wäre eine große Beruhigung für mich. / Beiliegend erlaube ich mir Photographien meiner Enkelin Auguste im ungarischen Kleide und meines Urenkels zu schicken, die Sie vielleicht amusiren werden. Hier ist es wärmer wie in Wien. Gestern bei meiner Ankunft war es wunderschön, unter Tags waren wiederholt heftige Strichregen mit Sonnenschein abwechselnd, dabei schwüle Luft. Heute ist der Morgen wieder schön, aber der fallende Barometer macht mich für den morgigen Festzug besorgt. Auf der Herreise habe ich im Waggon besonders gut geschlafen, hier im Schloße empfing mich Eh. Joseph und sein Sohn, später kam mein Bruder Ludwig zu mir, der bereits vorgestern Abend hier eingetroffen war. Um 10 Uhr war die Grundsteinlegung im Schloße, die sehr kurz dauerte, dann besprach ich mit dem Commandirenden Fürsten Lobkowitz und mit Paar die Tage und die détails meiner Truppen Inspicirungen und später machte ich einen Besuch im Hause des Eh. Joseph, wo ich ihn, seine Frau, 3 Töchter, Auguste und ihren Mann fand. Um 5 Uhr speiste ich mit meinem Bruder Ludwig und den Herrn des Gefolges und später kam Stéphanie mit ihrer Tochter an, die mit Dampfschiff herunter gefahren sind und von der Fahrt sehr befriedigt waren. Heute habe ich um 1/2 12 Uhr den Empfang aller Obergespäne und dann der Stadtvertretung von Buda-Pest, um 5 Uhr wieder Diner mit den im Hause wohnenden Herrschaften und Suiten und dann kommt die Kaiserin an. Durch eine lange Reihe von Tagen werde ich hier noch ziemlich viel zu leisten haben, fünf Besuche in der Ausstellung sind noch nothwendig, um Alles gesehen zu haben, außerdem ist jetzt eine Pferde Ausstellung und am 10. ein Preisreiten, später eine Regatta und ein Jubiläums Scheibenschiessen, an 6 Morgen habe ich Truppen zu inspiciren und an den Montagen und Donnerstagen Audienzen. Erst wenn es klarer werden wird, wie lange die Delegationen dauern werden und wann ich daher meine beiden Delegations Diners geben kann, werde ich bestimmen können, wann ich der hiesigen Hetze ein Ende machen und in den ruhigeren Thiergarten zurückkehren kann. / Nun leben Sie wohl, theuerste Freundin und denken Sie manchmal in ruhigen Augenblicken, die Ihnen auch selten gegönnt sind, an Ihren Sie innigst liebenden Franz Joseph." Mit Kuvert (unbeschriftet).

Stark gekürzt gedruckt bei Bourgoing 274 f. und Hamann 343 f. - Die Freundschaft zwischen dem Kaiser und der mit Baron Miklos Kiss de Ittebe verheirateten, jedoch von ihm getrennt lebenden Burgschauspielerin Katharina Schratt (1853-1940) währte rund drei Jahrzehnte, wurde von Kaiserin Elisabeth durchaus begünstigt und fand ihren Niederschlag in vielen meist ausführlichen Briefen, die der oft einsame Monarch an seine Freundin richtete. Sie geben intime Einblicke in die Persönlichkeit Franz Josephs und sollten nach seinem Wunsch verbrannt oder zumindest streng unter Verschluss gehalten werden, doch gelangten rund 900 davon nach dem Tod von Schratts kinderlosem Sohn Anton Kiss (1970) in die Handschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, einige auch in den Autographenhandel. Ofen: historische deutsche Bezeichnung für Buda, das 1873 mit Pest vereinigt wurde; 1896 feierte man hier das Millenium der magyarischen Landnahme mit einer großen Ausstellung und einem prunkvollen Festzug vor dem Kaiserpaar. "neue Lufterzeugungs Maschine": elektrischer Ventilator (der nach Bad Ischl transferierte Vorgänger befindet sich heute noch in der Kaiservilla). "Ketterle": Eugen Ketterl, letzter Kammerdiener des Kaisers (1859-1928). "Paar": Eduard Graf von Paar, Generaladjutant Franz Josephs (1837-1919). "Obergespäne": oberste Beamte der ungarischen Komitate.

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