Reichenbach, Karl (Frh.) von, Naturforscher und Philosoph (1788-1869)


Eigenhändiger Brief mit Adressblatt und Unterschrift, 2 1/2 Seiten auf Doppelblatt, quer-8, Blansko (Mähren), 21. 2. 1839. - An Josef Scheiger in Zara (Kroatien), dem er Muster von Pflanzensamen übersendet. "Wohlgeborner Hochgeehrter Herr! Ihr launiger Brief vom 2. d[ie]ß. kommt vielleicht aus einem schlimmen Lande, ich will es nicht bestreiten, aber dafür muß wenigstens kein übler Himmel dort seyn. Hier ist er heute voll Nebel, man sieht den ganzen Tag nicht 50. Schritte weit: aber auch auf Ihrem Boden liegen gewiß heute nicht 10. Zoll hoher Schnee, wie in Blansko, das sich zu den nicht übeln mährischen Gegenden zählt. Seyen Sie also zufrieden mit Ihrer epirotischen Sonne; könnte ich mit Ihnen tauschen, wie gerne gäbe ich Ihnen unsere Birken und Astern um Ihre Orangen und Myrthen! / Da Sie meine Wünsche nicht unmittelbar erfüllen können, so sind Sie mir dafür mit thätigem Rathe zur Hand gegangen, was mich Ihnen um nichts weniger verpflichtet. Ich behalte mir vor, davon später ernstlichen Gebrauch zu machen. Für heuer will ich es indessen noch bewendten lassen, und den Anpflanzungs und Benützungs Versuch hier zuvor noch abwarten. Für die Saamenzucht könnte vielleicht in Zara auch erst ein kleiner Versuch mit einigen Körnern gemacht werden, um zu sehen, ob er denn auch wirklich dort reift und ob das Klima und die Länge des Sommers dazu hinreicht. Diß würde wenige Mühe kosten, und im ersten besten Blumenbeet geschehen können. In dieser Absicht bin ich denn so frey, Ihnen anliegend eine kleine Prise Saamen beyzuschließen, mit der Bitte sie irgend einem oder zweyen von Ihren Freunden zur Anpflanzung im Freyen zu geben. Deren zwey werden besser seyn, als Einer, weil sie bey Einem allein möglicher Weise leichter einem Unfalle ausgesetzt sind. Die Pflanze wird nicht größer, als ein Buchweizen oder Heidekornstengel, nehmlich 1. bis 2. Fuß hoch, und schlank. In Zara wird man sie wohl jetzt gleich anpflanzen müssen; von Nachtfrösten wird man wohl niemals bey Ihnen etwas wissen, die uns in unserem Tannzapfenland im May und selbst im Juni noch so verderblich werden. Sollte der Saamen wirklich in Zara reifen, und wir die Überzeugung gewinnen, daß es damit gut gehen kann; so würde ich dann im folgenden Jahre mich an die Herrn wenden, welche Sie mir zu empfehlen die Gefälligkeit hatten. / Möge der Himmel Ihnen Geduld mit den Plagen schenken, die von mir aus über Sie kommen! - ich verharre mit größter Hochachtung Euer Wohlgeboren Gehorsamer Diener Dr. Reichenbach (mittlerweile zum Freyherrn g[eworden(?)] / Aus einer indirekten Äußerung in Ihrem Briefe muß ich fast schließen, daß ich unachtsam genug gewesen seyn könnte, meine letzte Zuschrift Ihnen nicht zu frankiren. Sollte diß wider Vermuthen möglich seyn, so muß ich sehr bitten, mir diß, bey meinen zahlreichen ... und tausend beständigen Unruhn als ein Zerstreuungsübersehen nachsichtig zu verzeihen, obgleich ich es mir selbst und meiner Unachtsamkeit nicht verzeihen könnte." Mehrere Empfängervermerke, die Anschrift durchgestrichen. - Gebräunt (die erste Seite stärker), das zweite Blatt mit kleinem Ausriss durch Siegelöffnung und hinterlegtem Ausschnitt bei der Adresse (Textverluste). - Beiliegend eine rückseitig von alter Hand mit "Dr. Reichenbach" beschriftete Fotographie des Ateliers Johann Wichera um 1870 im Format carte-de-visit, die einen jüngeren Wissenschaftler bei chemischen Versuchen zeigt.

Der aus einer bürgerlichen Württemberger Familie stammende vielseitige Forscher und Unternehmer Karl Ludwig Friedrich Reichenbach beschäftigte sich zunächst als Chemiker und Techniker erfolgreich mit dem Eisenhüttenwesen sowie mit der Verkohlung von Holz und entdeckte dabei unter anderem das Kreosot und Paraffin; in Blansko errichtete Reichenbach gemeinsam mit Graf Hugo zu Salm eine Reihe von Eisenwerken. 1835 erwarb er das Gut Reisenberg am Cobenzl bei Wien und verkehrte nun viel in den wissenschaftlichen Kreisen der Stadt. Sein Ruf als Naturforscher litt allerdings bald unter seiner obskuren Lehre vom "Od", einer angeblich dem Magnetismus ähnlichen, physikalisch jedoch nicht nachweisbaren Kraft. - Der Briefempfänger Josef Scheiger (1801-1886, hier "v[on] Scheiger", obwohl erst 1872 nobilitiert) war ein österreichischer Beamter und verdienstvoller Kulturhistoriker, der von 1835 bis 1839 den Postbetrieb in Zara leitete und seine Beamtenlaufbahn als Postdirektor von Graz beendete.

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