Eigenhändiger Brief mit Unterschrift, 1 eng beschriebene Seite auf Doppelblatt (bräunliches Papier), kl-8, ohne Ort und Datum (um 1910). - An den Harfenisten und Komponisten Alfred Holý in etwas fehlerhaftem Deutsch. "Sehr geehrter Herr Holy, Verzeihen Sie wenn ich komme erst heute dazu, Ihnen für Ihre liebenswürdige Zeilen herzlichst zu danken! Ich bin in voller Arbeit, und schreibe in solcher Zeit nur selten, auch muss ich mich leider kurz fassen. Ich hab' sehr bedauert, Wien zu verlassen ohne bei Ihnen gewesen zu sein, es ging nicht anders. Ich komme aber sicher, vielleicht auf längerer Zeit, nächste Saison nach Wien - meine Lieblingstadt. Wie gerne hätte ich Sie einmal gehört! Das zugeschickte Programm ist wirklich sehr anziehend. Wenn ich einmal Zeit haben werde, mich mit Harfen-Musik zu beschäftigen, ich werde Ihnen mit Freude meine Composition vorlegen. Ich bin aber vorläufig durch grösseren Arbeiten sehr in Anspruch genommen und kann schwer sagen, wenn dies mir möglich wird. Unsere Hof-Theater Harfenistin Frl. Navone (ganz hervorragend!) wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie Ihr ein kleines Verzeichniss von interessanten Novitäten für Harfe gef[älligst] zusenden können* - Sie haben ja wohl die ganzen modernen Literaten inne - Frl. Navone kennt nur wenig, und nur das bekannteste. Wenn Sie mir eine kleine Auslese daraus gef. bekanntmachen, ich werde sie an Frl. Navone weitergeben. Vielen Dank! Mit herzlichsten Gruss Ihr Leone Sinigaglia / * Mit Angabe des Verlages - chromatische Harfe ausgeschlossen!"
Selten. - Der Turiner Komponist Sinigaglia lebte zeitweise er in Wien, wo er mit Brahms in Kontakt stand, und in Prag, wo er bei Dvorák Privatstunden nahm. Er sammelte und bearbeitete viele Volkslieder seiner Heimat und schrieb Kammermusik sowie Orchesterwerke, die von Dirigenten wie Toscanini, Furtwängler und Barbirolli aufgeführt wurden. Daneben war Sinigaglia begeister Bergsteiger, bestieg zahlreiche Gipfel der Dolomiten und schrieb darüber auch ein Buch. Als Jude sollte der 75jährige nach der Besetzung Turins (1944) nach Deutschland zur Zwangsarbeit deportiert werden; er starb an einem Herzinfarkt, als man sein Versteck in einem Krankenhaus entdeckte. - Die Harfenistin und Musikpädagogin Carolina Betti Navone (1871-1950) wirkte von 1895 bis 1918 am traditionsreichen Opernhaus Teatro Regio di Torino. - Alfred Holý (1866-1948) galt als einer der besten Harfenvirtuosen seiner Zeit. 1903 holte ihn Gustav Mahler an die Wiener Hofoper und wurde hier der höchstbezahlte Harfenist in Europa. Nach Mahlers Tod ging Holý in die USA, wo viele seiner Kompositionen erschienen. 1928 kehrte er nach Wien zurück, konnte hier allerdings nicht mehr an seine früheren Erfolge anknüpfen.
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