Eigenhändiger Brief mit Unterschrift, 4 Seiten, kl-8, Paris, 27. 10. 1901. - An Carl Lill von Lilienbach. "Hochgeehrter Herr Oberleutnant, Ich habe natürlich Ihren Aufsatz über 'dynamisches Fliegen' mit größtem Interesse gelesen. Es ist nicht zweifelhaft, daß Sie mich auf diesem Gebiete lehren können. Daß die Fliegevorrichtung bald erfunden sein wird, glaube ich Ihnen ohne Weiteres. Das die Erfindung auf die Dauer tief in die Verhältnisse der Gesittung eingreifen wird, ist ebenfalls gewiß. Für eine absehbare Zeit - ich bitte Sie, mich deswegen zu entschuldigen - muß ich aber dennoch an meinen Folgerungen festhalten. Ich sehe noch immer nicht, wie meine Beweisgründe widerlegt werden sollen. Was wollen Sie mit großen Gütermassen, vorausgesetzt, daß die Flugmaschine jemals zu ihrer Beförderung taugen wird - in un- oder dünnbevölkerten Ländern anfangen? Dort sind sie unverkäuflich. An jeder Stelle aber, wo für größere Gütermengen Lagerraum, Handelseinrichtungen und ein Markt vorhanden sind, gibt es heute in allen Ländern der Welt Zollbehörden oder sonstige staatliche Aufsichtsorgane. Erfindungen bringen ihre volle Wirkung immer erst hervor, wenn die Gesittung an den Punkt gelangt ist, wo sie für jene die richtige Würdigung und Verwerthung hat. Es ist richtig, daß die Erfindungen auf den Entwicklungsgang der Gesittung beschleunigend einwirken. Aber diese Beschleunigung hat ihre Bedingungen und Grenzen. Ich bezweifle, daß die taciteischen Germanen mit der Eisenbahn etwas anzufangen gewusst hätten, wenn ein Erfinder sie ihnen gebracht haben würde. In the long run würde der Menschenflug die Gefühle und Anschauungen der Menge umgestalten. Aber nicht gleich. Nicht einmal bald. Wer hindert uns denn jetzt, frei zu sein, uns über Kasten- und Volksthums-Schranken hinwegzusetzen? Eisenbahn und Seeschifffahrt genügen dazu. Aber die Gefühls- und Denkweise der Menschen widersetzt sich solcher Umwälzung, und das würde auch nach der Erfindung der Fliegevorrichtung zunächst - und lange - nicht anders werden. Dagegen bin ich ganz mit Ihnen darin einverstanden, daß man im Allgemeinen jedes verheißungsvolle Streben ermuthigen, nicht entmuthigen soll. Sie haben Recht: ich hätte vielleicht dem Optimismus zu Gefallen Opportunismus treiben sollen. Ich wünsche Ihnen aus vollem Herzen, daß die Lösung des Fliege-Problems Ihnen gelingen möge und daß die Menschheit Ihren Namen über die von Watt und Stephenson zu schreiben habe, und bin mit ausgezeichneter Hochachtung Ihr ergebenster Dr. M. Nordau." - Beiliegend ein Schreiben eines Redakteurs der Neuen Freien Presse an denselben Empfänger, Wien, 21. 10. 1901. Teilt die Pariser Adresse von Max Nordau mit und sagt ein Honorar zu.
Nordau (eigentlich Max Simon Süßfeld) stammte aus Pest und lebte seit 1880 in Paris, wo er als Armenarzt und Schriftsteller tätig war. Während der Herausgabe seines zweibändigen Werks "Entartung" - eines Stücks radikaler Zeit- und Kulturkritik - lernte er Theodor Herzl kennen, war von der Idee des Zionismus begeistert und wurde zu einer der frühen Führungspersonen der jüdischen Nationalbewegung. Nach Herzls Tod (1904) geriet Nordau allmählich in Gegensatz zur zionistischen Führung. Der österreichische Offizier Carl Lill von Lilienbach war Ausschuss-Mitglied im Wiener Flugtechnischen Verein, veröffentlichte Publikationen zum Motor- und Segelflug und beschäftigte sich mit der Verbesserung der Kurzschrift.
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